Patriziertochter in Hoftracht a.D. 1560-1570

Leider ist über den Maler dieses kunstvollen Aquarells nichts bekannt. Er hat eine Tochter aus reichem Hause für das Stammbuch des stolzen Vaters porträtiert. Dazu hat die junge Dame ihre beste Garderobe angelegt. Ein Kleid, das sie auch zu offiziellen Anlässen ihres Herrscherhauses tragen würde. Sie lebte in der Zeit der Klein- und Stadtstaaten und jedes dieser unabhängigen Königreiche und Fürstentümer hatte seinen Herrschersitz. Die Potentaten wählten aus ihren Reihen den Kaiser und dieser zog über das Gebiet des heiligen Römischen Reiches deutscher Nation von einer Kaiserburg zur nächsten. Wenn sich der Kaiser mit seinem Gefolge ankündigte, mussten die Familien, die durch den Handel reich geworden waren und die vornehmen Adelsfamilien der Stadt, ihre Möbel auf die Burg tragen und es dem Kaiser behaglich einrichten. Bei solch einem Anlass hatten die reichen Bürger, die Patrizier, Zugang zur höchsten politischen Ebene. Da wurde natürlich die Tochter mit einer überaus üppigen Garderobe ausgestattet, um einen prächtigen Ritter oder einen edlen Grafen, zu beeindrucken.

Also musste die Hoftracht einer Patriziertochter ihren Reichtum zum Ausdruck bringen, ohne dabei protzig zu wirken, denn die wahrhaft prunkvollen Kleider waren immer noch nur dem Adel vorbehalten. So hat das Kleid dieser jungen Dame nur einen maßvoll geschnittenen Glockenrock, ohne Schleppe. Auch sonst hat der Wandmacher (eigendlich Gewandmacher oder -schneider) keinen überflüssigen Zierrat aus dem edlen und überaus kostbaren Brokat, in das Kleid eingenäht. Es ist in einem Modestil gehalten, der aus Spanien nach Deutschland gekommen ist und dieser Stil ist geprägt von der katholisch-spanischen Vorstellung der Strenge. Dazu gehörte auch, dass möglichst wenig weibliche Haut den Blicken der Männer preisgegeben wurde, vor allem im Bereich des Ausschnitts. Nur das Gesicht und die Hände der Patrizierin sind nicht bedeckt, obwohl sie Handschuhe in der linken Hand trägt, um ihre Blöße auch hier bei Bedarf decken zu können.

Dafür ist der Brokatstoff des Gewandes äußerst edel.

Leider ist nicht überliefert, ob es sich bei diesem Kleid um eins für den Sommer oder den Winter handelt. Da die junge Frau aber ein Bukett mit ganz verschiedenen Blumen in der Hand hält, gehe ich davon aus, dass dieses Bild um den Sommer herum entstanden ist. Zwischen den blauen Rispen und den roten Blüten, die wie Klatschmon aussehen, könnte eine Margerite gesteckt sein und diese Blumen haben eine Blütezeit von Mai bis Oktober. Daher gehe ich davon aus, dass der Stoff eher ein leichter Seidenbrokat als ein schwerer Samtbrokat ist. Die herrliche rote, fast schon violette Farbe des Stoffes könnte von Purpurschnecken stammen, was den Wert des Kleides beträchtlich erhöht hätte.

Auffällig ist ein breiter schwarzer Ziersaum am Rand des Rockes. Er nimmt nicht das eigendliche Muster des Kleides auf, sondern hat seine eigene schwach erkennbare Musterung. Diese kostbare Spitze ist lediglich aufgenäht, was man am unteren Aufblitzen des ursprünglichen roten Stoffes deutlich erkennen kann. Also wurde hier mit einem kleinen Trick doch ein wenig Verschwendungschucht gezeigt.

Die Ärmel des Kleides passen zur schlichten Eleganz des Rockes. Sie sind, im Gegensatz zur verschwenderischen Mode der Vorzeit, nur noch wenig aufgepufft, mit drei bis vier Abnähern von dem kostbaren Seidenbrokat. Über dem Arm trägt die Patrizierin Stulpen. Leider kann ich nicht erkennen, ob diese die Ärmel des Unterkleides sind. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass sie eigens für dieses kostbare Kleid gefertigt wurden und am Puffärmel angenäht sind.

Ihr Halsschmuck ist schlicht, eine goldene Kette mit einem kleinen, ebenfalls goldenen Anhänger. Auch der immer noch moderne, lang herabfallende Gürtel mit Knoten und Quaste ist nicht überlang oder besonders breit ausgefallen und betont damit perfekt die strenge Schlichtheit des Kleides.

Die Haare der jungen Patrizierin sind aufgesteckt, locken sich jedoch keck unter ihrem kleinen schwarzen Hütchen hervor. Auch hier zeigt sich hinter der schlichten Fassade des fast winzigen Accessoires, teurer Putz. Die Putzerin oder Putzmacherin drehte die Haare der edlen Damen zu feinen Löckchen und ließ sie so geschickt unter den jeweils modernen Hüten hervorschauen, dass sie die Fantasie der Herren anregten. So eine Prozedur war zeitaufwändig, die Damen mussten diese Zeit erst einmal erübrigen können, und natürlich musste alles bezahlt werden.

Diese Garderobe sieht auf dem ersten Blick sehr schlicht aus, entpuppt sich bei näherer Betrachtung aber als ausgesprochen aufwändig und edel.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. honigperle sagt:

    Ein sehr hochwertiger Beitrag, der mich inspiriert. Eine solche Seite/Blog habe ich bisher noch nicht gefunden – schön, dass du die Bloggerwelt dadurch etwas bunter werden lässt. lg Melanie – http://www.honitperlen.at

    Gefällt mir

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