Bürgerpaar in Festtracht a.D. 1538

Zu den gewählten Farben der Kupferstiche von Hans Aldegrever:

Die Zeit der Reformation bringt die Modewelt der Reichen und Mächtigen nicht durcheinander. In den Köpfen der Menschen wird die Allmacht der Kirche entthront, doch die Beine kleidet der vornehme Herr immer noch in Strumpfhosen, gerne auch aus Seide. Heinrich Aldegrever ist zu dieser Zeit ein begnadeter Künstler aus Sost in Westfalen. Er sticht seine Bilder in Kupferplatten, eine Methode, die Albrecht Dürer zu einer eigenständigen Kunstform erhob. (Quelle: Klaus Kösters, auf der Seite: http://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/)   Einen Kupferstich herzustellen war im Vergleich mit der Herstellung eines Holzstiches viel aufwändiger und zeitintensiver. Die Künstler konnten jedoch sehr viel feiner arbeiten und mit den Platten und dem recht neuen Buchdruckverfahren mehr Bilder herstellen, als mit einer Holzplatte. Zudem hat Kupfer den absoluten Vorteil, nicht zu verrotten und so sind die Kupferplatten des Heinrich Aldegrever auch heute noch im Soester Burghofmuseum zu finden. Da alle vier Karten von Aldegrever das Ergebnis eines schwarz/weiß Druckes von den besagten Platten ist, kann ich leider die Kleiderfarbe nicht bewerten. Es fiel mir schon bei der ersten Durchsicht der Modenkarten auf, dass gerade diese Bilder aus der Reformationszeit von einer wundervollen Farbbrillianz sind. Das rührt daher, dass sie erst bei der modernen Herstellung coloriert wurden. (Dabei sind die Karten an sich schon aus den Jahren 1930-1940, das Haus Neuerburg ging während des 2. Weltkrieges in das Haus Reemtsma über, Quelle: Wikipedia) Das Bild, und auch ein Selbstporträt des Künstlers, im s/w Orginalstich ist auf der Seite http://www.lwl.org zu finden.

Das es sich hier um ein Bürgerpaar handelt, so wie jemand im Auftrag des Hauses Neuerburg die Karte betitelt hat, wage ich zu bezweifeln. Hans Aldegrever hat eine ganze Bilderserie mit dem Titel „Die großen Hochzeitstänzer“ in Kupfer gestochen. Er hat nicht nur die Gäste porträtiert, sodern auch Fackelträger und Posaunisten. Ein Stich aus der Serie zeigt ein gekröntes Paar. Diese Art des Geschmeides war dem Landesherren und seiner Gattin vorbehalten. Auf die Hochtzeitsfeier des loken Hochadels war zweifelsfrei auch der adlige Hofstaat eingeladen. Ein weiteres Indiz liefert der in großer Pose hergezeigte Ring an der linken Hand des Mannes auf diesem Bild. Vielleicht ist es sogar ein Siegelring, mit dem der Herr offiziell die Belange des Reiches absiegelt. Somit könnte er der Drost oder Vogt des Landesherren sein. Droste und Vögte hatten die Verwaltungshoheit eines Teilbereiches des Landes inne, wenn der Herrscher nicht zugegen weilte. Außerdem war in weiten Teilen des heiligen römischen Reiches deutscher Nation in der Zeit der Renaissance, das Tragen von Schmuck tatsächlich dem Adel vorbehalten. Dazu passt auch das um die Hüfte gegürtete Langschwert, das dem Knappen erst nach seiner Schwertleite zu tragen gestattet ist. Als Ritter trägt der Herr selbstverständlich auch den Dolch, mit dem Griff nach links. Die Dame im Hintergrund trägt eine auffällige Brose oder Halskette auf ihrem Busen und das an diesem Schmuck anhängende Geschmeide baumelt keck von ihrer großen Brust herab. Dazu pasent trägt sie Ohrhänger und einen Ring an ihrer rechten Hand, als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zu einem Ehepartner.

Diese Dame scheint tatsächlich schwanger zu sein, im passenden Alter wäre sie. Allerdings sind die unbekleideten Damen auf den anderen Stichen von H. Aldegrever allesamt sehr üppig, was zweifellos dem damaligen Schönheitsideal entsprach. Neben dem teueren Schmuck und die viele Ellen Stoff verschlingende Kleidung zeigt die betuchte Dame damit ihren Stand und Rang. Auch die Frau auf diesem Bild hat eine wundervolle Schleppe, die sie in vielen Falten hinter sich her zieht. Auf der Straße konnte man so ein Kleid niemals tragen. Der Unrat wurde einfach auf die Straße gekippt, der nächste Regen wusch es schon wieder weg. Da in vielen Häusern der Stadt das Vieh mit unter demselben Dache wie die Besitzer wohnten, landete auch deren Hinterlassenschaften in der Gosse. EIn Kleid mit Schleppe wurde nur zu einem festlichen Anlass getragen. Dieses Kleid ist mit einem kleinen Kragen am oberen Rand, unter dem Kinn abgeschlossen. Auf dem Haupt trägt die Frau einen auffälligen Hut mit breiter, in sich gewickelter Krempe.

Ihr Ehemann ist ungleich auffälliger gekleidet. Über den eng anliegenden Strumpfhosen trägt er eine in mit zwei Volants dekorierte Überhose, die mit Schleifenbändern über dem Knie abgebunden sind. Ein in reichen Falten hängende Tunika bedeckt seinen Oberkörper. Die Schulterpartie ist überbetont, sodass die rundliche Mitte weniger auffällt. Die oberen Ärmel sind aufwändig gepufft und die unteren Ärmel sind eng anliegend. Sie stehen in wunderbaren Kontrast zueinander. Die Schlitze mit der Füllung sind bei dieser Tunika gar nicht mehr vorhanden, dafür sitzen hier zwei aufgepolsterte Rinde als Manschetten Am Ärmelende und in der Ellenbeuge. Der auf die Brust wallende Bart des Hochzeitstänzers ist gegabelt. Auf dem Haupt trägt er ein keckes Barett mit einer Straußenfeder.

Da der Strauß schon sehr lange ein flugunfähiges Tier ist, hat er in seiner Evoulotion Federn entwickeln können, die rechts wie links die gleiche Größe haben. Diese Gleichmäßigkeit hat sie schon in der Antike sehr beliebt gemacht.

Heinrich Aldegrever hat dieses Bild in eine Kupferplatte gestochen. Die Platte befindet sich im Besitz des Burghofmuseums in Soest

 

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